Christina Kramer
 
 

 

 

 

Britta Tewordt

What Difference Do You Make?

erschienen in der Publikation zur gleichnamigen Ausstellung:
Christina Kramer – What Difference Do You Make?, Osnabrück 2020,
Gesellschaft für zeitgenössische Kunst e.V.


Christina Kramers aktuelle Arbeiten in der Ausstellung „What Difference Do You Make?“ eröffnen neue Dimensionen – in ihrem Format, in ihrer Tiefe, in ihrer Farbintensität und in ihrer lyrischen Dynamik. Bewegen wir uns durch den Ausstellungsraum, ergibt sich vor unseren Augen ein komplexes System, das sich im Raum schwebenden, tänzelnden Acrylglasplattenformationen, zarten Liniengeflechten und Punktgebilden, satten, intensiven, leuchtenden Farben, Tiefenstrukturen und aufgebrochenen Oberflächen konstituiert und An-, Durch- und Einsichten, Relationen und Interaktionen generiert. Es ist nicht leicht fassbar, entzieht sich einer einfachen Logik, ist ambivalent und vereint Gegensätze. Die Arbeiten sind sowohl harmonisch als auch aufwühlend, von tiefer Ruhe und spannungsgeladener Kraft, von zarter Leichtigkeit und herausfordernder Tiefe, stringent und chaotisch, prägnant und diffus, aktiv durchdacht und bewusst vom Zufall gestört.

Diese Eigenschaften kommen schon in der titelgebenden Arbeit der Ausstellung zum Ausdruck. Dort windet sich ein schwarzer Schlauch auf einer magentafarbenen, von tiefschwarzen Sprenkeln und helleren Punkten durchbrochenen Fläche. Wie in den meisten von Christina Kramers Serigrafien liegt auch dieser Arbeit eine fotografische Vorlage zugrunde, die aus einem Detail, einem scheinbar bedeutungslosen Alltagsgegenstand besteht, dessen Gestalt jedoch so verändert, von Farbschichten unter- oder überlagert und von Strukturen durchbrochen wird, dass er nur noch schemenhaft erkennbar ist und von jeglicher funktionaler Bedeutung gelöst zu sein scheint. So werden im Zusammen- und Gegenklang von Formen, Farben und Strukturen ganz neue Sicht- und Betrachtungsweisen begründet. Auch die dem Siebdruck gegenüber an feinen Fäden von der Decke herabhängende, über dem Boden schwebende Installation „Thoughts to Love and Lose“ aus Acrylglasplatten, auf denen mit schwarzen Linien gezogene geometrische Formen zu erkennen sind, bedingt zu steten Perspektivwechseln. Denn beim Um- und Durchschreiten der Installation versucht unser Blick eine klare Ordnung zu erkennen, jedoch ergibt sich von jedem Standpunkt, den wir einnehmen, eine neue Anschauung. Und das Bild verändert sich.

Bewegung spielt in Christina Kramers Werk eine bedeutende Rolle: Nicht nur im Schaffensprozess – wenn etwa die Komposition durchdacht, die Farbe verteilt, das Rakel mit unterschiedlichen Graden der Anstrengung gezogen und geschoben, der Zufall zum gelenkten, aber teils unberechenbaren Komplizen wird –, sondern auch in der dynamischen Ästhetik der Überlagerungen und Schichten der Siebdrucke und der schwebenden, tänzelnden Acrylglasinstallationen – und überdies letztlich im Rezeptionsprozess. Die Arbeiten fordern uns auf, uns in Bewegung zu setzen, die kleinen Störstellen, Auf- und Durchbrüche in der Oberfläche mal aus der Nähe, mal aus der Ferne zu betrachten, mal wird unser Blick in die Tiefe gezogen, mal in die Weite gerichtet, mal verharren wir kurz an einem Standpunkt, um das Auge schweifen zu lassen, mal schreiten wir suchend an einer Bildfläche vorbei, verändern unsere Betrachtungsweise mit jeder Bewegung.

So eröffnen die horizontalen Linien der vierteiligen Arbeit „Intro“ an der rückseitigen Ausstellungswand einen illusorischen Tiefenraum, der ein „Dahinter“ suggeriert, in das wir unweigerlich hineingezogen werden. Ein gleißend oranges, ein strahlend gelbes oder ein zart blassrotes Licht scheint sich in den Ausstellungsraum freizusetzen. Das Leuchten provoziert uns immer weiter an die Oberfläche der Leinwand heranzutreten, um wahrnehmen zu können, was sich dahinter verbirgt. Und wieder bewegen wir uns, wechseln unseren Standpunkt und nehmen eine neue Perspektive ein, die uns veränderte Ein- und Aussichten vermittelt, unsere eigene Position mit- und überdenken lässt und uns mit der Frage konfrontiert: What difference do you make?