Christina Kramer
 
 

 

 

 

Cornelia Kratz

‚thoughts fall / ins Fell‘

im Institut für skulpturelle Peripherie

 

Die Ausstellung „thoughts fall / ins Fell“ im Institut für skulpturelle Peripherie präsentiert in konzentrierter Form den künstlerischen Austausch zwischen der Autorin Sonja vom Brocke und der bildenden Künstlerin Christina Kramer. Dieses Aufeinandertreffen von Literatur und Kunst evoziert aufgrund der medialen Differenz ein „Dazwischen“, führt aber, wie die Ausstellung unter Beweis stellt, zu einer Bereicherung, die nicht durch ein bloßes Nebeneinander, sondern durch das Zusammenspiel der beiden Medien entsteht. Es geht nicht um die Übertragung eines Mediums in das jeweils andere, sondern das Interesse gilt der inhaltlichen Auseinandersetzung. ‚Wechselseitige Erhellung‘? - ja, aber keine Illustration oder Beschreibung.

Sonja vom Brocke und Christina Kramer haben individuelle Ausdrucksformen entwickelt. Während auf der einen Seite durch Worte eine fast greifbar erscheinende Plastizität geschaffen wird, vernimmt man auf der anderen Seite eine bildhafte präzise Artikulation. Zwischen den Gedichten und Kunstwerken herrscht ein dynamisches Spannungsgefüge. Ausgehend von ähnlichen Denkbewegungen werden auf unterschiedliche Weise Räumlichkeiten ausgelotet und erfahrbar gemacht, wird mit Flächen, Schichten und Spuren gearbeitet, durch die Oszillationen zwischen Tiefe und Plastizität entstehen - und doch treffen sich die Arbeiten immer wieder auf einer Sichtachse.

Von der „existentiellen Dichte einer Dauer“ spricht Roland Barthes und meint damit die darstellerische Möglichkeit der Verdichtung und Intensivierung. Genau diese Form der Darstellung begegnet dem Leser in den Gedichten von Sonja vom Brocke, in denen die erzählerische Komplexität weitestgehend reduziert wird auf das Momentane, auf Zustände, auf Beobachtungen und das aus dem Zusammenhang herausgerissene. Jedem einzelnen Wort wird nachgespürt, bis es die notwendige Unmittelbarkeit erreicht und die Gedichte aus einem Schwellenzustand heraus dem Leser begegnen, um sich kurz darauf wieder zu entziehen. Es entsteht ein dynamischer Prozess zwischen Nähe und Distanz, so dass man den Wörtern noch lange nachsinnen kann, geradezu muss, um das Gesagte wirklich erfassen zu können. Während der Ausstellung präsentiert Sonja vom Brocke in Form einer Lesung drei Gedichte: „Arktisch Paper-Fell“, „für ein Gesicht“ und „hörst du“.

Christina Kramer stellt zwei Werke aus: Zu sehen sind eine Folieninstallation mit dem Titel „thoughts fall (V)“ (100 x 140 x 50 cm) sowie ein Siebdruck (80 x 56,5 cm). Die Sublimität des Drucks entsteht aufgrund dieser gleichzeitigen Präsenz von Nähe und Ferne, von Diesseits und Jenseits. Der Betrachter bewegt sich in einem Schwellenraum und muss sein Auge immer wieder neu akkommodieren, um das große Ganze genauso wie die bis ins Detail reichende Vielschichtigkeit erfassen zu können. Die Installation fordert den Betrachter erneut heraus, bringt ihn in Bewegung. Denn um die Komplexität der einzelnen Elemente und ihre Beziehungsgefüge zueinander erschließen zu können, um jede mögliche Perspektive einzunehmen, muss der Standpunkt wieder und wieder gewechselt werden.

Das Spiel zwischen Transparenz und tiefstem Schwarz, das den Blick die einzelnen Schichten durchdringen lässt oder abwehrt, kennzeichnet Christina Kramers Arbeiten und führt zu einem anhaltenden Spannungsgefüge, das eine starke Sogkraft auf den Betrachter entfaltet und ihm die Möglichkeit einer kontemplativen Erfahrung eröffnet - eine Versenkung ins Sehen.

Die gemeinsame Ausstellung stellt aber nur einen Aspekt des künstlerischen Austauschs dar, denn in Auseinandersetzung mit dem Raum, der von dem Ausstellungsteam bewusst als „architektonische Komponente“ mit ins Spiel gebracht wurde und der in der Tat maßgeblich die Art des Zusammenarbeitens geprägt hat, ist die Idee entstanden, ihre Arbeiten in eine weitere Raumsituation zu überführen.

Sonja vom Brocke und Christina Kramer haben neben dem gegebenen Projektraum im Rahmen einer Publikation eine weitere Darstellungsform für ihre Gedichte und Kunstwerke geschaffen. Diese zweidimensionale Darstellung vereint abwechselnd die präsentierten Werke und gewährt dennoch jedem Medium den nötigen Echoraum, um sich zu entfalten.

Wenn Sonja vom Brocke für die Ausstellung den gewohnten Rahmen des Buches verlässt und in Form einer Lesung, einer ephemeren Aktion, ihre Gedichte in Gegenwart der Kunstwerke „hörbar“ macht, so verlässt Christina Kramer für die Publikation das übliche Ausstellungsterrain und setzt ihre Werke ‚en miniature‘ um. Es werden nicht einfach Fotografien der Werke abgebildet, sondern Christina Kramer ist den Entstehungsprozess ihrer Installationen, die einst im Buchformat ihren Ausgang genommen haben, zurückgegangen und setzt die Installation mit Hilfe von einzelnen Folien, die in die Buchseiten integriert werden, um. Durch das Umblättern der einzelnen Seiten wird dem Betrachter auch in diesem Medium die Vielschichtigkeit des Werkes vor Augen geführt, denn durch das Blättern wird die Folieninstallation in Bewegung gesetzt und jede mögliche Kombination sichtbar und haptisch wahrnehmbar.