Christina Kramer
 
 

 

 

 

Michael Kröger | Elisabeth Lumme

Vorwort

erschienen in der Publikation zur gleichnamigen Ausstellung:
Christina Kramer – What Difference Do You Make?, Osnabrück 2020,
Gesellschaft für zeitgenössische Kunst e.V.


Christina Kramer gibt dem Zufall im künstlerischen Arbeitsprozess viel Raum. Die erste Einzelausstellung in ihrer Geburtsstadt Osnabrück hat sie dagegen äußerst sorgfältig konzipiert. Im Kunstraum hase29 hat die in Köln lebende Künstlerin vergleichsweise wenige Arbeiten in ein spannungsvolles Verhältnis zueinander gesetzt und ihrem Publikum dabei einen neuen Zugang zum Medium Siebdruck und zu ihrer Vision von Kunst ermöglicht. Wer in der Ausstellung etwas genauer hinschaut, der erkennt, dass es Christina Kramer um etwas anderes geht, als nur um das dem Medium Siebdruck spezifische Vervielfältigungsverfahren.

Was verraten uns die kleinen farblichen Störungen im normalerweise auf fehlerlose Perfektion getrimmten Medium des Siebdrucks? Die Unterscheidungen, die wir uns als Betrachter*innen bewusst machen können, betreffen unsere Einstellungen und Fragen, die wir an scheinbar perfekt erscheinende Bilder im Kunstkontext richten können. Jedes alte Medium der Kunst ist nur so gut wie die Veränderungen, die wir heute bewusst wahrnehmen können. Christina Kramers starker Wunsch ist es, das Medium Siebdruck so zu erkunden, als wäre es eine noch unbekannte Welt, die es zu entdecken gilt. Dass es ausgerechnet kleine Störungen und geplante Eingriffe in den Werkprozess sind, verrät etwas von Christina Kramers Arbeitsprozess – einer Mischung aus Kalkül und Offenheit, Neugier auf das, was da unerwartet entsteht und uns wie von leichter Hand überrascht.

Als Meisterschülerin von Hubert Kiecol hat Christina Kramer in der Klasse für „Integration: Bildende Kunst und Architektur“ studiert. So wundert es nicht, dass sie mit ihren großformatigen Arbeiten die funktionale Architektur des ehemaligen Supermarktes und heutigen Kunstraumes hase29 neu definiert. Dem Publikum erschließt sich beim Eintreten ein auf eindrückliche Weise gegliederter Raum. Bevor der Blick auf die Bilderserie an der Stirnwand des Ausstellungsraumes schweifen kann, wird er durch eine Raumzeichnung im ersten Drittel gebrochen. Schwarze Linien auf räumlich gestaffelten Acrylglasplatten überlagern sich und erzeugen in jedem Augenblick der Bewegung eine neue geometrische Linienkonstellation. Violett gefärbte Wände zu beiden Seiten im mittleren Bereich scheinen den Raum hier zu verjüngen und erzeugen für die darauf platzierten Bilder eine wohltuende Ruhezone. So gewährt die Ausstellungsarchitektur dem Publikum genügend Zeit, um sich auf die Bilderserien im hinteren Bereich des Ausstellungsraumes zuzubewegen, vier Bilder mit vibrierenden Orangetönen, erzeugt durch farbliche Überlagerungen im Siebdruckverfahren und provozierte Zufälle. Im Dialog mit dem geheimnisvollen Violett eines weiteren Bilderpaares wird Siebdruck zu einem ungeplanten, unerwarteten, überraschenden Ereignis ...