Christina Kramer
 
 

(English version below)

 

 

 

„Die Wörter ruinieren, was man denkt [...]”1

 

Konstantin Butz & Corinna Kühn

Bewegung als Präsenz

Zu den Installationen und Grafiken von Christina Kramer

 

Ein Blick aus dem Fenster eines fahrenden Zuges: In einer scheinbar unendlichen Fließbewegung geraten die Oberleitungen in Schwingung, sie kreuzen sich oder laufen nebeneinander her. Dieses Phänomen kennt jeder Reisende. Das Bewegungsspiel der Leitungen regt dazu an, Gedanken nachzuhängen und sich in assoziativer Kontemplation zu verlieren. Versuchen wir im Nachhinein diese Erfahrung zu rekonstruieren, fällt es schwer sich auf konkrete Inhalte oder Bilder rückzubesinnen. Was bleibt, ist die Erinnerung an Bewegung.

Im Medium der Installation hat die Künstlerin Christina Kramer eine Möglichkeit gefunden, dieser Erinnerung Ausdruck zu verleihen, sie zu transformieren und etwas Neues entstehen zu lassen. Das Werk Wenn jemand nach mir fragt: Ich bin auf der Flucht (2010) ist dafür exemplarisch:

In einem Raum hängen fünf große transparente Acrylglasplatten. Sie schweben einige Millimeter über dem Boden. Mit schwarzem Klebeband sind Linien darauf angebracht, die zu einer auf der Wand aufgeklebten längeren Linie, sowie zu einem ebenfalls an der Wand befestigten Siebdruck in Beziehung stehen. Die schwarzen Linien können als abstrahierte Oberleitungen gesehen werden. In anderen Installationen greift die Künstlerin tatsächlich auf fotografische Reproduktionen solcher Leitungen zurück. Je nach Standpunkt der Betrachter ändert sich die Beziehung der Linien zueinander. Geht man um die versetzt hintereinander angeordneten Platten von Wenn jemand nach mir fragt... herum, beginnen die Linien sich zu verschieben. Der Siebdruck an der Wand verhält sich dazu eher als statischer Fixpunkt, obwohl das „schwarze Rauschen“, das die vielschichtige Siebdrucktechnik auf dem Papier hervorbringt, durch seine diffuse Struktur ein weiteres dynamisches Moment in die Installation einführt. Die Offenheit der Installation schafft ephemere Momente ästhetischer Erfahrung, die sich aus der Bewegung der jeweiligen Rezipienten generieren: Das Verändern der eigenen Position und die sich dadurch stetig wandelnden Blickwinkel erzeugen immer neue Flächen- und Tiefenansichten. Die Installation verweigert sich so einer sie festlegenden Interpretation und stellt das Beziehungsspiel zwischen Betrachtern und Material in den Vordergrund.

Der Stellenwert des Materials wird auch in dem Siebdruck Fade (2007) deutlich, der erneut die Frage nach den Relationen zwischen Flächen und Tiefen aufgreift. Der Druck beruht auf der Fotografie einer Bühnensituation mit einer Lautsprecherbox im Vordergrund. Durch verschiedene übereinander gedruckte Farbschichten entstehen starke Kontraste: Tiefschwarze Flächen stehen neben weißen und gänzlich unbearbeiteten Teilen des Bildes. Kramer interessiert hierbei das Erzeugen unterschiedlicher Dichten. Einzelne Teile des Druckes treten durch Schichtung wie plastisch hervor, andere ziehen sich in Graustufen zurück und lassen die Box dreidimensional präsent werden. Im Vordergrund steht dabei nicht die Erzeugung eines haptischen Effektes, sondern die technischen Möglichkeiten auszuloten und Formen hervorzubringen. Das Verfahren des Siebdrucks beinhaltet Momente der Unvorhersehbarkeit und des Zufalls. Was im Druckhandwerk als Fehldruck bezeichnet werden würde – nämlich winzige Verschiebungen oder Unregelmäßigkeiten in der Farbdichte – macht für Kramer gerade den Reiz dieser Technik aus. Kleine Abweichungen, die den Untergrund hervorblitzen lassen, konstituieren hier materielle Spuren von Bewegung, welche sich durch das gesamte Oeuvre der Künstlerin ziehen.

Ihre Ausstellung in der A.R.T.e.s.-Galerie nennt Christina Kramer Präposition. Der Titel deutet darauf hin, dass sich die Betrachter ihrer Kunstwerke immer auf dem Weg zu einer Position – also davor – befinden. Sobald sie eine feste Position einnehmen, wird der Bewegungsprozess angehalten. Die Installation erschließt sich in ihrem Aufbau, die Beziehungsgefüge werden sichtbar und die Anordnung der verschiedenen Elemente deutlich. Begeben sich die Betrachter auf die Suche nach der nächsten Position, löst sich die Struktur wieder auf und sie befinden sich erneut im Davor, in einer Prä-Position.

Die Wörter ruinieren was man denkt (2006). Dieser Titel eines früheren Siebdrucks von Christina Kramer – angelehnt an ein Zitat aus dem Roman Das Kalkwerk des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard – wirft Fragen auf, die vielen ihrer Arbeiten zugrunde liegen: Was können wir überhaupt mit Wörtern ausdrücken? Wann geraten sie an ihre Grenzen? Wo liegen diese Grenzen? In ihrem künstlerischen Schaffen erforscht Kramer Räume, in denen Denkprozesse nicht zwangsläufig an Wörter gekoppelt sind, sondern fernab von interpretativen und semantischen Zuschreibungen eine Sehnsucht nach unmittelbarer Erfahrung ausdrücken – eine „Sehnsucht nach Präsenz“.2

 


1 Bernhard, Thomas. Das Kalkwerk. Frankfurt a. M. 1973 [EA 1970]. S. 115
2 Vgl. Gumbrecht, Hans Ulrich: Productions of Presence – What Meaning Cannot Convey. Stanford 2004.

 

 


 

 

 

„Die Wörter ruinieren, was man denkt [...]”1

 

Konstantin Butz & Corinna Kühn

Movement as Presence

The Installations and the Graphic Work of Christina Kramer

 

A gaze out of the window of a train in motion: during the endlessly gliding movement the overhead contact wires start to vibrate, they converge or run side by side. Every traveller knows this phenomenon. The play of movement of the wires encourages one to dwell on thoughts and to lose oneself in associative contemplation. If we try to reconstruct this experience in retrospect, it is difficult to recollect specific contents or images. What is left, is the memory of movement.

Within the medium of installation, artist Christina Kramer has found a way to express this memory, to transform it, and to create something new. Wenn jemand nach mir fragt: Ich bin auf der Flucht. (2010) [If Anyone Asks About Me: I‘m on the Run.] is exemplary in this context:

There are five big transparent acrylic sheets hanging in a room. They are suspended several millimetres above ground. Lines of black tape have been applied to them, which connect both to a longer line affixed to the wall and to the screen print which has been attached to the wall as well. The black lines may be seen as abstracted overhead wires — as a matter of fact, in other works, the artist draws on photographic reproductions of such wires. According to the position of the viewer, the relations between those lines change: If one walks around Wenn jemand nach mir fragt ..., the lines start to shift. The screen print on the wall rather constitutes a static reference point, while the »black noise« (schwarzes Rauschen), which the multilayered silk-screen technique produces on the piece of paper, introduces a further dynamic aspect to the installation by its diffuse structure. The openness of the installation creates ephemeral moments of aesthetic experience generated by the movement of the respective recipient: the transformation of one’s own position and, as a result, the constant change of the points of view repeatedly produce new surface structures as well as deeper structures. The installation therefore refuses a definite interpretation and foregrounds the relational interaction between viewers and material.

The significance of the material also becomes apparent in the screen print Fade (2007), which again takes up the question of the relations between surfaces and depths. The printing is based on a photograph of a stage-situation featuring a loudspeaker in the foreground. Different coatings of paint, which have been printed one over the other, produce strong contrasts: deep black surfaces stand right beside white as well as completely unprocessed parts of the picture. Kramer is interested in the creation of different densities. The layering brings out several parts of the printing which emerge plastically, while others withdraw into depths of grey and let the loudspeaker become present in a three-dimensional way. The most important aspect, however, is not the production of a haptic effect but the exploration of technical possibilities and the creation of new forms. The silk-screen printing implies moments of unpredictability and coincidence. Tiny displacements or irregularities of the colour density, which professional printers would characterize as misprints, constitute the allurement of this technique for Kramer. Small deviations, which let the background shine through, constitute material traces of movement. These traces are characteristic of the artist’s oeuvre.

Christina Kramer calls her exhibition in the A.R.T.e.s.-Galerie Präposition (i.e. Prepostion). The title indicates that the spectators of her work continue to be on their way – and thus always remain preliminary – to a (new) position. As soon as they occupy a fixed viewpoint, the process of movement stops. The installation is revealed in its construction, the relational structures become apparent, and the arrangement of the different elements becomes distinct. If the spectators start looking for the next position, the structure dissolves again and, once more, they find themselves in front of a new position, than they were in before — that is, in a pre-postion [Prä-Position].

Die Wörter ruinieren was man denkt (2006) [Words ruin one’s thoughts.]. This title of an earlier screen print of Christina Kramer — based on a quote from the novel Das Kalkwerk of Austrian writer Thomas Bernhard — raises questions underlying many of her works: What can we express by words? When do they reach their limits? Where are these limits? In her artistic work Kramer explores spaces in which thinking processes are not necessarily linked to words, but express a desire for direct experience far away from interpretative and semantic attributions instead — a »desire for presence«.2

 


1 Bernhard, Thomas. Das Kalkwerk. Frankfurt a. M. 1973 [EA 1970]. p. 115
2 Vgl. Gumbrecht, Hans Ulrich: Productions of Presence – What Meaning Cannot Convey. Stanford 2004.